Andreas Lang Photography

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Topografien mit Gedächtnis
Anmerkungen zur Landschaftsfotografie von Andréas Lang

Hans-Michael Koetzle, Essay für den Katalog „Eclipse“, München 2008

Diesmal stimmt der Begriff. Seine Bilder sind sagenhaft, im besten Sinne des Wortes. Sein Werk, so überschaubar es sich darstellen mag, holt zeitlich, räumlich, geistig weit aus, dockt an bei den großen Mythen, Märchen und Legenden einer vorzugsweise europäischen Zivilisation. Quelle seiner Inspiration ist die Geschichte, auch und gerade dort, wo sie tragische, schicksalhafte oder verbrecherische Züge trägt. Dergleichen mag in der aktuellen Malerei ein Thema sein. Die Fotografie geht andere Wege. Im Stadium des Übergangs von Analog zu Digital beschäftigt sich das Medium vor allem mit sich selbst. Medienreflexion oder Foto-Recycling sind die großen Themen. Man zitiert, collagiert, kompiliert, und der Computer hilft dabei. Wenn man so will: Ein in sich geschlossenes System. Gleich in mehrfacher Hinsicht stehen die Arbeiten des in München lebenden Andréas Lang quer zu den Trends, den Moden einer fotografischen Kultur, die längst auch ein großer, globaler Markt geworden ist. Lang arbeitet überwiegend in Schwarzweiß, wo doch alle nach der Farbe schielen. In der Regel vertraut er auf das kleine, intimere Format, wissend, dass fotografische Bilder idealerweise in die Hand genommen werden und in Nahsicht gelesen werden wollen. Der spirituelle Gehalt seiner Schöpfungen ist ihm wichtiger als das Zeremoniell der Rahmung. Und was die Abzüge betrifft: Sie verdanken ihre Existenz nicht dem Zusammenspiel von Daten, Tinten, Drucker und Papier, sondern nach wie vor einem „geheimnisvollen“ chemischen Prozess, bei dem – schönes Paradox der „Lichtbildnerei “ – Dunkelheit zu herrschen hat: Auch das eine Art „Eclipse“.  
Die Frage nach dem Wesen der Fotografie beantworteten noch Zeitgenossen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts mit einem klar definierten Ritual. Man ging zum Fotohändler und kaufte einen Film. Man lud seine Kamera und ging auf „Pirsch“. Man suchte, sah und löste aus: Latente Bilder, die in der Regel im Labor entwickelt wurden. Fotografie war und ist ein technischer Prozess. Aber sie hatte – traditionell – auch zu tun mit Kategorien jenseits von Belichtungszeit und Blende. Fotografieren hieß immer auch sich bewegen, das Haus verlassen, reisen. Fotografieren hieß, der Neugier zu folgen und Entdeckungen zu machen. Es bedeutete ökonomisch zu handeln, denn Filme waren teuer. Geduld zählte zu den Grund-Tugenden des Fotografen, und der erste Blick auf die gemachten, von fremder Hand  entwickelten, vergrößerten Motive hielt – auch das ein Teil des fotografischen Rituals – regelmäßig zeitversetzte Überraschungen bereit. „Fotografien sammeln heißt, die Welt sammeln“, hat Susan Sontag einmal formuliert. *1) Die Idee einer Inventarisierung war der Fotografie ebenso eigen wie das Wissen um ihre Unbestechtlichkeit bzw. Objektivität. Letzteres ist ein Mythos, wie sich herumgesprochen hat. Und doch: Ohne einen „Referenten“ in der Wirklichkeit kein analoges Bild. Das digitale Zeitalter beschert uns in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Die Fotografie mutiert „zum vom Ort ablösbaren und in der Zeit immer wieder in neuen Schichten modifizierbaren Tafelbild“. *2) Also eine Art Malerei mit technischen Mitteln, bei der die „Postproduktion“ wichtiger wird als der Moment der Aufnahme. Bilder entstehen als „unendliche Überarbeitung ohne ein echtes Original“. Der „Photoshop“ hat den „Decisive Moment“ abgelöst, der Transfer das Archiv bzw. die Inventarisierung unserer Welt. Jenseits aller Diskussion um die „Haltbarkeit“ von Daten: In der Praxis des globalisierten Alltags werden digitale Bilder ebenso schnell gemacht wie gelöscht. „Digital Imaging“ als wohlfeiles Divertimento ohne Spuren. Ohne es zu merken, sind wir dabei, eine Zukunft ohne Vergangenheit zu stiften.

Nachdenken in Bildern

Vergangenheit ist ein zentraler Begriff in der Arbeit von Andréas Lang. Man könnte auch sagen Geschichte. Oder Gedächtnis. Ganz bewusst begibt er sich an Orte, die Erinnerung bergen. Nicht immer sichtbar, ausgewiesen, evident. Und doch sind es Orte der Historie, Topografien, die Geschichte auch dort enthalten, wo sie vorgeben Natur zu sein. Lang ist ein Spurensucher mit der Kamera. Dies allerdings nicht im Sinne einer wie auch immer gearteten Dokumentation. Lang spürt dem Geist eines Ortes nach, protokolliert das eigentlich Unfotografierbare, verwandelt Stimmung in greifbare Bilder, die – ganz im Sinne einer romantischen Kunstauffassung – auch die eigene Seelenlage spiegeln dürfen. Tatsächlich begegnen wir in Andréas Lang einem eher stillen, nachdenklichen Zeitgenossen, für den Literatur, Philosophie oder Geschichte eher Orientierung bieten, als die vorgeblichen Trends einer fotografischen Postmoderne. Lang problematisiert unsere Welt vor dem Hintergrund einer alles andere als glorreichen Vergangenheit. Fotografieren ist für ihn eine Art Nachdenken in Bildern. Lang stellt Fragen, und wenn seine zu Fotografie mutierten Antworten ausgesprochen kryptisch ausfallen, so ist auch dies Teil eines Konzepts, das sich Mitte der neunziger Jahre allmählich zu formen beginnt.
Davor war Lang, pathetisch ausgedrückt, ein Suchender. 1965 in der Pfalz geboren, versuchte er sich zunächst als Schlagzeuger in einer Punk-Band, fasste dann ein Fotodesign-Studium in Darmstadt ins Auge und landete schließlich als Assistent bei international agierenden Foto-Profis wie Dieter Blum in Esslingen oder in München Michael Leis und Werner Janda. Lang lernt sie kennen, die große, schöne, Ruhm und Geld versprechende Welt der Modefotografie. Und wenigstens eine Zeitlang scheint er fasziniert von einer Branche, in der Professionals wie Richard Avedon, Jeanloup Sieff oder Irving Penn gezeigt hatten, dass jenseits des Auftrags auch so etwas wie ein persönliches (künstlerisches) Œuvre möglich ist. Lang wechselt nach Paris. Zehn Jahre lebt und arbeitet er in der französischen Hauptstadt, wo sich die Weltelite der Modeschöpfer, Stylisten und Fotografen ein Stelldichein gibt und die Art Directors nicht gerade auf ein junges Talent aus Süddeutschland gewartet haben. Lang arbeitet an seiner Mappe. Er geht „Klinkenputzen“, wie er es selbst im Rückblick formuliert, schafft tatsächlich immer wieder den Sprung in internationale Magazine. Merkt aber auch, „wie hart das ist“. Dass die Vogue eines seiner Modefotos zur Illustration eines Beitrags über Depressionen bringt, könnte ein Fingerzeig gewesen sein. Man müsse schon diese Welt lieben, so Lang, dieses Business und den schönen Schein der Mode, um hier Erfolg zu haben. Andréas Lang ist fasziniert, aber Liebe ist es nicht.
Gewiss einen Wendepunkt markiert 1995 eine Reise nach Australien. Bruce Chatwin wird für Lang zum geistigen Wegweiser. Und die Natur zu einem neuen Faszinosum. Natur nicht als Ökosystem oder landwirtschaftliche Nutzfläche, als Spekulationsobjekt oder Rohstofflieferant, sondern als Ort von Mythen und Märchen, Visionen und Legenden. Lang lebt in der Natur, übernachtet in der Wildnis, erlebt die Dämmerung, die Nacht, den Morgen als „etwas Unbeschreibliches“ und beginnt, sich künstlerisch neu aufzustellen. Zurück in Paris, gibt er die Mode auf. Lang versucht sich auf dem Terrain des Foto-Essays, indem er die Aktivitäten eines nahe der Place Clichy campierenden „Cirque Tzigane“ mit der Kamera begleitet. Aber dies ist nur eine Art Übergang zu seinem eigentlichen Thema.

Annäherung an die Romantik

Lang schreibt sich ein in die Geschichte einer großen Gattung. Zwar stand die Landschaft in der Fotografie immer ein wenig im Schatten anderer Genres, die wie der Bildjournalismus die Neugier, das Porträt die Eitelkeit oder der Akt den Voyeurismus der Menschen bravourös bedienten. Doch hat auch die Landschaft eine bemerkenswerte Tradition, auch wenn manche Kritiker behaupten, die Statik der Natur widerspreche im Grunde dem schnellen, auf Bewegung, Wandel und Veränderung zielenden Charakter der Fotografie. Letztere war von Anfang an dabei, als es galt – wie im amerikanischen Westen – die Landschaft bildhaft in Besitz zu nehmen. Ansel Adams pries die heroische Seite einer „unberührten“ Natur. Während die Gegenbewegung einer mit „New Topographics“ überschriebenen kritischen Landschaftsinterpretation den Ge- und Verbrauch der Natur zum Bildgegenstand erhob. In Künstlern wie Walter Niedermayr findet das (nun Farbe gewordene) Konzept seine Verlängerung in eine postmoderne Gegenwart, die regelmäßig Themen wie Verstädterung, Verwüstung, Raubbau, Zerstörung auf die Agenda junger Künstler hebt. Die Landschaft, die Natur als „Fall“, als Ausdruck einer hemmungslosen Inbesitznahme der Schöpfung durch den Menschen – und andererseits die „Kunst “ des Yann Arthus Bertrand, der mit seinen gefälligen, „heile Welt“ versprechenden Luftaufnahmen – über Postkarten, Kalender, Bücher – ein internationales Publikum verzückt.
Keine dieser Positionen hat Andréas Lang inspiriert, geprägt, geleitet. Sein künstlerisches Werk seit den mittleren neunziger Jahren schöpft aus anderen Quellen, zu denen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Buddhismus ebenso zu rechnen ist wie eine sich immer wieder neu gestaltende Beschäftigung mit der Geschichte, den religiösen, geistigen, politischen Traditionslinien des christlichen Europa. Auch der Film, das Kino eines Jean Cocteau mit seiner sinistren, märchenhaften Bilderwelt scheint Lang beeinflusst zu haben, und wenn er noch in den neunziger Jahren bei Paris den Drehort von „La Belle et la Bête“ besucht, so ist dies mehr als Hommage an einen Meister. Grundlegend aber wird die Begegnung mit Caspar David Friedrich, dessen Tafelmalerei im Geist der Romantik Lang während eines Berlin-Besuchs für sich entdeckt: ein Schlüsselerlebnis. Dass Literatur, Philosophie und Bildkunst der Romantik vorzugsweise mit Deutschland konnotiert werden, war bis dato eher Hinderungsgrund für  Künstler, sich mit einer Epoche auseinanderzusetzen, die – vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege – sehr viel politischer war und sehr viel weniger verklärt, als das Klischee uns glauben machen möchte. Gewiss: Die Romantik war ein Gegenentwurf zur Aufklärung, zu einer nunmehr selbstbewusst vorgetragenen bürgerlichen Ratio, die alles verstehen und alles meistern will. Aber bleibt da nicht ein Erklärungsrest, der beispielsweise in den großen „Seins-Fragen“ der Menschheit kulminiert?
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Romantik, der Berliner, aber auch der Heidelberger oder Rheinromantik wird für den Künstler zum ersten großen Thema, in dem er sich mit seiner Persönlichkeit wiederfindet und überdies seine besondere Bildsprache entwickelt. Was zunächst auffällt an den meisterlich ausgearbeiteten schwarzweißen Fotografien von Andréas Lang, ist der sparsame Umgang mit Licht. Fototechnisch könnte man von „Low key“ sprechen. Aber die Technik ist es nicht. Hier geht es um ein an Caspar David Friedrich geschultes Konzept, bei dem der Natur über das Dunkel ein Rest Mysterium gelassen wird. Einer Natur, die selbstredend alles andere als „unschuldig“ ist, vielmehr – gerade im „alten Europa“ – getränkt ist mit Geschichte. Fotografierend betritt Lang historischen Boden, und immer wieder ist ihm wichtig zu betonen, dass er tatsächlich am Ort selbst gewesen ist, gesehen hat, empfunden und sein Bild gemacht – durchaus keine Marginalie in einer Zeit, die das Herunterladen von Motiven aus dem Internet zum redaktionellen Alltag hat werden lassen. Mit seiner Annäherung an die Romantik hat Lang nicht nur die eigene Heimat neu entdeckt, er hat auch sein großes Thema gefunden: Die Geschichtlichkeit europäischer Topografie, wozu etwa die Schlachtfelder bei Verdun ebenso gehören wie die Orte deutscher Verbrechen in Polen. Dabei geht es Lang nicht um eine Illustration des Status quo, sondern um die sensible Erfassung jener Atmosphäre einer Landschaft, die sich womöglich nur in „stiller Zwiesprache“ offenbart. Entsprechend reist Lang allein, beschränkt sich in seiner Ausrüstung – Kleinbildkamera, 28 mm- und 35 mm-Objektiv – auf das Notwendigste und verzichtet (sieht man ab vom gelegentlichen Einsatz von Infrarotfilm) auf besondere technische Tricks und Kniffe. Authentizität im Empfinden, so könnte man Langs Haltung definieren, eine Position, die auch seinen jüngsten – „Eclipse“ überschriebenen – Zyklus charakterisiert.

Konflikt der Religionen

Wo endet Europa? In Portugal – oder doch in New York als westlichstem Vorposten europäischen Denkens? Am Bosporus oder doch im Heiligen Land, ohne dessen jüdisch-christliche Tradition die europäische Zivilisation schlechterdings undenkbar wäre. Zugegeben: Die Kreuzzüge des 12. Jahrhunderts waren nicht der erste Link des mittelalterlichen Europa zum Vorderen Orient. Aber die Idee „heiliger Kriege“ bestimmte lange Zeit in besonderer Weise das Denken der Menschen, und wenn sich der Terror der Gegenwart unter dem Banner des „Dschihad“ ausbreitet, so illustriert dies nicht weniger als die Brisanz des „Modells“ noch in unseren Tagen. Im Vorfeld des ersten Kreuzzugs (1195) sollen himmlische Zeichen, Kometen, eine Sonnenfinsternis das Ende der Welt angekündigt haben. Und eine für 2006 angekündigte Sonnenfinsternis war denn auch für Andréas Lang äußerer Anlass, seine fotografische Erkundung geschichtsträchtiger Orte auf den Spuren des frühen Christentums und der Kreuzfahrer fortzuschreiben. Dabei steht „Eclipse“ nicht allein für ein astronomisches Phänomen. Es steht auch für jene Dämmerung des Mittelalters, die bei Lang einmal mehr in einer das Dunkel betonenden Bildsprache ihre Entsprechung findet. Mehrfach 2006 und 2007 reist der Fotograf in den Nahen Osten, in die Türkei, nach Syrien, Israel und Palästina, wandelt auf den Spuren der Kreuzfahrer, protokolliert ihre Stein gewordenen Spuren, dies einmal mehr nicht im Sinne von Illustration oder Dokumentation, sondern als Versuch, etwas vom (irrationalen) Geist der Zeit zu visualisieren. Wie ein extraterrestrisches, eben gelandetes Raumschiff wirkt die Crac des Chevaliers auf Langs schwarzweißer Fotografie, und wie Eisen armierte Wesen von einem anderen Stern müssen die ersten Kreuzfahrer den Muslimen damals erschienen sein. Ersparen wir uns eine Aufzählung der Grausamkeiten auf beiden Seiten. Wichtiger ist der geistige Horizont, vor dem imperiale Ideen entstehen und sich verbreiten können. Auf den ersten Blick scheint Lang das Klischee vom „finsteren Mittelalter“ zu bedienen. Indem er seinen Zyklus in die Gegenwart des palästinensischen Alltags hinein verlängert und das Bildmittel Farbe nutzt, unterstreicht er jedoch die Aktualität des Themas. Der Jahrhunderte alte Konflikt der Religionen und Kulturen – wo führt er hin? Ein absurdes Bild zeigt einen Wegweiser mit Fragezeichen. Wissen wir es? Wir wissen es nicht.

*1) Susan Sontag: Über Fotografie, Frankfurt am Main 1980.
*2) Peter V. Brinkemper: Digitalisierung und Intermedialität. Paradoxien der Photographie im digitalen Zeitalter. In: Christian Gapp/Michael Ebert/H.-M. Jostmeier (Hg.): Digitales Bild. Bildung des Digitalen, Köln/Nürnberg 2003 S. 27.