Andreas Lang Photography

version francaise

 

Cécile Wajsbrot
"Verlassen", zu den Bildern von Andréas Lang, Lesung am 27. November in der Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin

aus dem französischen von Nathalie Mälzer

Im Jura

Dabei ist das Schloss von Helsingør gar nicht verfallen, dabei sind auf der Fotografie nur der Himmel, eine zerklüftete dunkle Masse mit eingestürzten Mauern, ein Sternenregen und Fensteröffnungen mit Blick ins Leere zu sehen – auf der einen Seite in die Finsternis und auf der anderen ins Licht. Angesichts dieser Silhouette, die mit feierlicher Bedrohlichkeit aufragt, kann ich nicht umhin an Hamlet zu denken. An das Gespenst des Vaters, das zunächst stumm bleibt, dann aber anfängt zu sprechen und so manche Dinge offenbart. Das dazu verdammt ist, solange durch die Nacht zu irren, wie seine Ermordung nicht gerächt ist. Schlafen – endlich ausruhen. Schlafen, nicht mehr sein, um diese Rache nicht befriedigen zu müssen, das ist Hamlets sehnlichster Wunsch, bis er sich, von der Pflicht und Notwendigkeit getrieben, dazu entschließt, es doch zu tun. Ich denke an das dänische Schloss, an dem sich diese Geschichte zuträgt, eine nächtliche Geschichte – denn viele Szenen in Shakespeares Stück tragen sich in der Nacht zu, in der Zeit der Erscheinungen und Träume.
Und die Nacht, vor der sich diese namenlose Ruine abzeichnet, wäre eine Sommernacht, eine gewittrige, regnerische Nacht, eine gequälte Nacht, die getragen wird von einer kosmischen Bewegung, einer Verschmelzung, in der sich der Wunsch nach Rache und Ruhe gleichermaßen erfüllen.


Valley of the Bridge

Sind sie schon hindurchgegangen oder werden sie noch kommen? Das schmale Rinnsal eines Baches, einer Straße, schlängelt sich durch ein Geröllchaos, durch steinige Massen, die schon seit Urzeiten da zu sein scheinen. Wird die Sonne gleich zum Vorschein kommen oder erhellt sie den Schauplatz mit ihren letzten Strahlen, bevor sie wieder verschwindet? Die Zeit ist in der Schwebe – im Moment des perfekten Gleichgewichts zwischen einem Vorher und einem Nachher. Das liegt nicht nur an den beiden ins Tal abfallenden Hängen. Oder an der Brücke, die sich dort hinten vielleicht abzeichnet. Es liegt am Himmel, am Horizont. Oder auch an den erleuchteten Bergfelsen im Vordergrund: Sanft senken sie sich hinab zu einer unsichtbaren Ebene, die mit der Weite des Himmels verschmilzt. Es ist das Versprechen eines heiteren Horizonts, nachdem das Chaos durchquert wurde – die Gewissheit, dass es ein Morgen geben wird.


Jungle

Man kennt den Maler – Caspar David Friedrich –, in dessen Landschaften eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Meer, nach dem Wald zum Ausdruck kommt. Man kennt diese kahlen Bäume, die ihre Äste verzweifelt gen Himmel strecken, die Einsamkeit einer verschneiten Eiche, die Reste eines Sturms, der an den fast gänzlich entwurzelten Stämmen rüttelt, und das übernatürliche Licht, das die Bergtannen erhellt ... Wenn die Landschaft sich beruhigt hat, die Linien sich in die Länge ziehen, die Farben verlaufen, wird sie oft von dunklen Gestalten bevölkert. Figuren in dunklen Anzügen, ein Mönch, ein Mann, eine Frau, von hinten, bloße Silhouetten, die uns einladen, ihnen in ihrer Kontemplation zu folgen.
Dieser Dschungel ähnelt ihr. Und auch wenn es in dieser Landschaft keine schwarzen Gestalten gibt, die stellvertretend für uns stehen – für uns als ihre Betrachter – auch wenn es keine Mittlerfiguren gibt, sondern nur einen direkten Zugang, ein übergangloses Eintauchen in das Herz der Dinge, malen wir sie im Geiste, platzieren wir sie auf der Lichtung, wo sie das Aufklaren des Himmels betrachten, oder in den wild wuchernden Gräsern unter den herabfallenden Lianen. Über diese amerikanische Landschaft mit ihren helleren Farben legen sich Bilder des Riesengebirges, des Waldes im Harz. Und auf einmal wird einem klar: So war es damals bei der Ankunft der Forschungsreisenden, als sie einen anderen Kontinent entdeckten. Wie wir waren sie erfüllt von den Landschaften ihrer Welt, erfüllt von den Gemälden ihrer Welt, erfüllt von einer Vision; und was ihnen der neue Kontinent schenkte, bereicherten sie mit ihrer Erfahrung – mit den Bildern, die sie in sich trugen, so wie dieser von der Fotografie eingefangene Dschungel in sich eine ganzes Gedächtnis, eine ganze Kultur birgt.


Wald und Nebel

Warum genau sehen wollen? Und warum um jeden Preis begreifen wollen? Vereinzelte Stämme vielleicht, Holz, Steine, aber es sieht eher aus wie das Meer. Diese rollende Bewegung der Wellen. Es ist, als würde sich der Nebel aus den Wassern erheben oder auf ihnen tanzen, und in der Ferne scheint ein Geisterschiff Gestalt anzunehmen. Ganz sicher ist das dort hinten am Horizont ein Baum. Aber wer sollte mich daran hindern, darin eine Bewegung zu sehen, die vom Wasser her rührt, eine seltsame Emanation, die Ankündigung eines Tsunamis, einer Überschwemmung, einer Erschütterung der Weltordnung – den Atompilz von Hiroshima?
Ich weiß, dass es das nicht ist und man nur genauer hinsehen muss, um es zu enträtseln, um jeder Form einen Namen zu geben. Aber manche Werke – in diesem Fall ein Foto, aber dasselbe gilt für ein Buch oder einen Film, ein Gemälde – manche Werke geben dem Betrachter Raum für seine Interpretationen, Projektionen, Assoziationen, anstatt ihm wie mittelmäßige Werke ihre Eindeutigkeit aufzuzwingen – sie öffnen sich – anstatt sich zu verschließen – und reißen fort – anstatt zu bremsen.


Eclipsed Landscape

Man könnte dies für die Charakteristika einer Region, eines trockenen, anorganischen Gebiets halten, trotz der beiden unauffälligen Bäume, die seltsam präsent oder auch fremd wirken. Aber dann müssten sie hierher verbracht, verfrachtet worden sein – als kämen sie von woanders her, aber von woher? Denn sonst wären diese merkwürdigen Kegel Teil einer Science-Fiction-Landschaft. Kleine Erdbuckel, wie ein Echo auf die menhirartig aufragenden Felsen, die Zeugen einer fremden Zeremonie sind. In der Mitte ein etwas dickerer Fels, dessen Umrisse an Böcklins Toteninsel erinnern. Es ist, als wäre er von einer interstellaren Rakete abgeworfen worden oder plötzlich wie ein Meteorit  in den Kratern eines anderen Planeten gelandet. Der Himmel ist einfarbig. Ungetrübt. Ist keiner gekommen? Es wird keiner kommen. Wenn auf diesem Planeten irgendwann einmal Menschen gelandet sind, und das sind sie ganz sicher, dann haben sie vielleicht diese beiden Bäume gepflanzt, bevor sie vergeblich auf das Raumfahrzeug gewartet haben, das sie – dem vor ihrem Abflug auf der Erde festgelegten Plan zufolge – wieder abholen sollte. Als Vorposten waren sie gekommen und sie hatten den Auftrag den Kegelplaneten zu bevölkern – vielleicht würde die Menschheit dorthin verpflanzt und gerettet werden können –, aber sie waren auf widrige Bedingungen gestoßen. Eines Tages wurde die Verbindung gekappt. Sie blieben allein – in so weiter Ferne. Aber sie hörten nicht auf zu warten, und zum Zeichen der Hoffnung haben sie diese beiden Bäume gepflanzt, die aller Vernunft zum Trotz leben. Und die Menschen, was ist aus ihnen geworden?