Andreas Lang Photography

 


Landschaft als Dunkelkammer unserer selbst


Dr. Jeanette Zwingenberger, Text zur Biographie und den Fotografien von Andréas Lang, für das Magazin "Paris - Berlin", Paris 2011

Nach langen Auslandsreisen in den Nahen Osten, Asien und Afrika hat es den Fotografen Andréas Lang nach Berlin gezogen. Lang wurde in Zweibrücken im Grenzgebiet zu Elsass-Lothringen geboren, unweit des heutigen Naturparkes Pfälzerwald-Nordvogesen, der jedoch in der Vergangenheit immer wieder ein Kriegsschauplatz war. Als dritte Generation stellt der Künstler sich die Frage in welcher Seelenlandschaft leben wir Europäer? Die Erste ist Verursacher und Zeuge des Geschehens, die Zweite, die Wiederaufbaugeneration und die Dritte verarbeitet das Traumata der deutschen Geschichte im Sinne einer möglichen « Heilung » von historischen Wunden.

Wichtig war für ihn die Ausstellungen 2008 in der Galerie DG (Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst), für die er den DG Kunstpreis erhielt. Die gezeigte Serie Eclipse befasst sich mit dem frühen Christentum und den Landschaften der Kreuzzüge, das erste gemeinsame europäische Unterfangen in seiner ganzen tragischen Dimension. Zur Zeit sind Arbeiten von Lang in der aktuellen Ausstellung “Das XX. Jahrhundert – Menschen, Orte, Zeiten” im Deutschen Historischen Museum zu sehen, - viele seiner Arbeiten sind heute Teil der dortigen fotografischen Sammlung. Den Kamerakünstler charakterisiert die Auseinandersetzung mit seiner europäische Identität in ihrer ganzen komplexen bildnerischen Darstellungskraft und die gerade als Kulturlandschaft in ihrer Dichte einzigartig ist. Ihn beschäftigen Fragen wie : Woher kommen wir und wie wird man von seiner Geburtslandschaft geprägt ? Wie werden Orte von ihren historischen Ereignissen betroffen und wie wird unser Blick auf unsere Umgebung durch seine Geschichte beeinflusst ? Lang kann keiner Landschaft nur als unberührte Natur begegnen, sie ist als Kulturlandschaft immer auch Spiegel der Geschichte. Dabei kommt die zweite sowohl subjektiv als auch sozialkulturelle, geschichtliche Ebene immer mit ins Spiel, das sind die Spuren vergangener Zeiten, das Geschriebene und Gesagte, das unsere Wahrnehmung mitbeeinflusst.

Frankreich
Ursprünglich ging er als freischaffender Fotograf nach Paris, wo er für die Modewelt arbeitete. Seit 1999 verabschiedete er sich endgültig von der verführerischen Glamourwelt um sich nur noch persönlichen Themen zu widmen. In Frankreich gelten seine atmosphärisch geheimnsivollen schwarz-weiss Fotografien als die eines Romantikers. Bewusst begibt er sich auf die Spuren von Victor Hugo, besteigt die Dächer der Kathedrale Notre-Dame von Paris und fotografiert Phantasiegestalten der Gotik. Er erkundet das imaginäre mittelalterliche Paris, dabei interessieren ihn die verborgenen Seiten dieser Stadt. Sein Europathema ist jedoch von verschiedenen Stimmungen geprägt. So erscheint das vulkanische Zentralmassiv der Auvergne als archaische Urlandschaft. Jedoch die Schlachtfelder von Verdun zeigen die noch heute sichtbaren Wunden des ersten Weltkrieges.

Deutschland
Viele Bilder, die in Deutschland entstanden sind, sind wiederaufscheinende Bilder seiner Kindheitserinnerungen. Die Burgruine Drachenfels im Pfälzer Wald entspricht ein mythologischen Landschaft geprägt von der Märchen- und Sagenwelt. Inwiefern ist die persönliche, imaginäre Vorstellungswelt mit den kollektiven Bilder verbunden ? Man sieht das Bild aber das eigentliche Bild entsteht hinter dem Blick des Betrachters als mentaler Raum, dieser entwickelt sich im  Zusammenspiel zwischen der Vorstellung des Betrachters und der Aussenwelt. Der Künstler beschäftigt sich mit der Projektionssebene unserer inneren Bilder, die wir mit uns herumtragen und die wir plötzlich wiederfinden.
Schon Johann Christoph Friedrich von Schiller unterschied zwischen dem naiven, direkten Naturbezug und der sentimentalen, reflektierten Naturbetrachtung. Dabei charakterisiert jedes Land ein anderes Naturverständnis. Gerade in Deutschland besitzen Bäume hohe Symbolkraft,  dabei wird der Wald in seiner psychologischen Dimension zum Bild des Unterbewusstseins. Im Gegensatz dazu versteht Lang Berlin als Narbenlandschaft, einerseits gekennzeichnet von der schonungslose Betrachtung des Vergangenen und andererseits Begegnungsstätte einer europäischen Mischkultur.

Die während seines Polenaufenthalt entstandenen Bilder sprechen von den Abgründen der europäischen Geschichte. Gestürzte Denkmäler mit den nunmehr unterm Blattwerk liegenden Köpfen, zugewachsene Friedhofsmauern mit Familiengruften, Ruinen von verfallenen Dörfern. Sie erinnern an Ereignisse des vergangenen Krieges als wären sie gerade geschehen. Lang durchwandert die Landschaft, dabei wird die physische Erfahrung zu einem Empfindungs- und Wahrnehmungprozess. Seine Bilder verdeutlichen, dass das was man sieht, immer nur die eigene Seelenlage reflektiert. Die Landschaft wird zur Dunkelkammer unserer selbst. Das Aufscheinen der Vergangenheit in einem Bild, das wiederum uns mit der geschichtlichen Verarbeitung konfrontiert.