Andreas Lang Photography

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Von Liminalität und anderen verlockenden Orten

Andréas Lang & Cristiana Palandri

Nico Anklam, Text zur Ausstellung in der Galerie Podbielski Contemporary, Berlin 2012

Die neue Ausstellung bei Podbielski Contemporary bringt erstmals die fotografischen Arbeiten von Andréas Lang mit Objekten der italienischen Bildhauerin und Performance Künstlerin Cristiana Palandri zusammen. Die in zwei Räume unterteilte Schau zeigt mit drei Fotografien von Lang und zwei Objekten von Palandri einige Werke zum ersten Mal überhaupt. Ein Ausgangspunkt für die Ausstellung war das durch den britischen Ethnologen Victor Turner geprägte Konzept der Liminalität – Momente des Schwellenzustands und der Zwischenzeit, die sich an Orten des Übergangs manifestieren.
Sowohl Palandri, als auch Lang haben sich unabhängig voneinander in ihren Arbeiten dem Thema des Zwischenraums angenommen. Palandri baut jene Orte nach, wenn sie beispielsweise in ihrer neuen Arbeit Farmakon (2011) einen alten Arzneischrank als Portal oder Tür zu einem fotografischen Positiv verwandelt. Eine Fotografie des Berliner Nachthimmels aus ihrer Zeit im Atelier im Stadtbad Wedding wird in Palandris Pharmaziekabinett  durch Spiegel gedoppelt und reproduziert sich damit unendlich weiter. Die offen stehende Tür, als tentative Einladung zur Schwelle in eine andere Welt macht den Blick frei auf die stellaren Lichtspuren in der Fotografie und erlaubt gleichzeitig eine Verortung in eine größere Ordnung der Dinge.
Palandri baut damit aber auch einen Rahmen für eine fotografische Repräsentation und erinnert an die bekannte Idee des Rahmens als Fensters zur Welt in der Malerei und Fotografie. Wir finden hier eine schlüssige Entsprechung in Andréas Langs Farbfotografie „In Kastillien“ (2009). Eine karge, suburbane Hausfassade zeigt in Grautönen mehrere verschlossene Türen und Fenster. Der Betrachter steht auf einem Zebrastreifen, der mittig vor dem Haus endet: Anstelle einer Jalousie oder Tür stehen wir jedoch vor einem aufgehängtem Laken oder Handtuch – darauf  eine unwirkliche, hellblaue Winterlandschaft. Ob zum Lichtschutz oder als Türersatz, welche Funktion dieses Tuch dort erfüllen soll erschließt sich dem Betrachter nicht. Der Rahmen als Fenster zur Welt wird in „In Kasilien“ exzellent gedoppelt, wenn sich die sonst flächige Häuserwand zu einer blauen, kühlen, schneebedeckten Landschaft samt röhrendem Hirsch öffnet, die so gar nicht mit der ersten Bildwirklichkeit zusammen gehen will.
Andréas Lang spürt mit präzisem, fotografischem Blick in seinen Arbeiten „In Kastilien“, „Warteraum“ und „Jungle“ jene liminalen Orte auf, an denen sich plötzlich und unerwartet in der fotografischen Wirklichkeit ein Zwischenraum auftut. Cristiana Palandri hingegen gelingt es, in ihren Objekten neue Räume des Übergangs in unserer – nicht der fotografischen – Wirklichkeit zu kreieren, die wir, wie in ihrer Arbeit „boxes“ 2012 auch als architektonische Studien des Zerfalls oder Transformation verstehen können.
Allen Arbeiten in der Ausstellung „Von Liminalität und anderen verlockenden Orten“ ist eine Abwesenheit des Menschen gemein. Dieser Abwesenheit wohnt aber gleichzeitig eine Versuchung inne, durch die Tür zu gehen oder zumindest einen Blick über die Schwelle zu wagen, um zu sehen, woraus sich Palandris Hausapotheke nun tatsächlich zusammen setzt, oder, ob wirklich niemand da ist, in Langs scheinbar leerem „Warteraum“.

Andréas Langs Fotografien waren in Berlin zuletzt im Deutschen Historischen Museum zu sehen, unter anderem in der Ausstellung „Die Deutschen und der Wald“ und „Menschen, Orte, Zeiten - Das XX. Jahrhundert“ – Die Fotosammlung des DHM, Cristiana Palandri in der Gruppenausstellung „Time and Material“ bei Horton Contemporary.
Die Ausstellung „Von Liminalität und anderen verlockenden Orten“ wurde von Nico Anklam für Podbielski Contemporary konzipiert.