Andreas Lang Photography

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Priya Basil

Text zur Ausstellung im Literaturhaus Berlin vom 6. bis 25. Mai 2018 (übersetzt von Beatrice Faßbender)

BEING AND BETWEEN

Andréas Lang: European Scenes 2009 - 2017

Auf jeder Party gibt es diese eine Person, um die sich die anderen scharen: der man auch länger zuhört, die die eigene Phantasie befeuert, die es versteht, Geschichten zu erzählen.

Bei Andréas Lang ist jede Arbeit wie eine solche Person. Manche Bilder sind zurückhaltend und launisch, andere laut, aber geheimnisvoll, wieder andere bunt, aber schüchtern – sie alle aber fallen ins Auge, beginnen ein Gespräch und halten einen mit Erzählungen fest, die zugleich alt und neu, geradeheraus und undurchdringlich, melancholisch und romantisch sind. Und dann ist da noch etwas anderes, etwas, das nicht gleich auffällt, das aber später die eigene Faszination, das eigene Vergnügen und vielleicht auch die eigene leichte Unruhe zu erklären vermag: Die Geschichten, die diese Arbeiten erzählen, sind unsere eigenen.

Lang fängt jene Momente dazwischen ein, wenn etwas Abgeschlossenes sich in etwas anderes verwandelt, Momente, in denen alles zugleich vergeblich und möglich ist. “In Castilla” (Spanien, 2009) wirkt das Haus mit seinen geschlossenen Türen und verrammelten Fenstern leblos. Und dennoch lädt die Straße zum Überqueren ein, dennoch lockt die Portiere – ein fabelhaftes, blau-gold aufblitzendes Hirngespinst –  und reizt uns, den Vorhang zu lüften und einzutreten.

Europa, eingezwängt zwischen so vielen Visionen und Versionen seiner selbst, ist schon lange kurz davor, besser und schlechter, mehr und weniger zu werden. Ein Fait accompli, Work in progress, ein Traum, eine Enttäuschung – Europa ist Vielen Vieles. Für Andréas Lang ist es eine Studie der Notwendigkeit von Geschichte. Worauf seine Linse sich auch richtet, immer findet sie durch Vergangenheit zur Schärfe. Der Verschluss seiner Kamera flackert zum Klagelied der Zeit und verdichtet es klickend zu einem einzigen, bleibenden Moment. Und immer ist die Zukunft mit im Bild: nicht die Zukunft als Ziel, sondern als ein aus unserer Fähigkeit zur genauen Selbstbetrachtung entstehender Eindruck. Die Pixel-Qualität einer jeden Projektion, das suggerieren Langs Arbeiten, hängt ab von der Geschichtlichkeit.

BEING AND BETWEEN ist die Begegnung mit verschwundenen und zurückgekehrten Wirklichkeiten, mit Relikten von Ruinen, mit der beständigen Wiederherstellungskraft der Natur. Eine Begegnung mit Europa, die die Grenzen von Zeit und Ort – die unsere Vorstellungen darüber, wer und wo wir sind, allzu häufig einengen – ausdehnt. Und es ist ein wortlos angedeutetes Versprechen –  bedeutet dazwischen zu sein doch, ein unverwirklichtes Potential zum Besseren in sich zu tragen.