Andreas Lang Photography

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David Van Reybrouck
Rede zur Ausstellungseröffnung „Kamerun und Kongo. Eine Spurensuche und Phantom Geographie“
Deutsches Historisches Museum, 15. September 2016

Es ist Dienstagmorgen und ich befürchte schon, im falschen Ausstellungsgebäude zu sein. In nur zwei Tagen, am Donnerstagabend, soll ich die Ausstellung „Kamerun und Kongo“ am Deutschen Historischen Museum eröffnen. Aber das erste Bild, das ich in der Ausstellungshalle sehe, scheint zu „Das erstaunte Schweigen“ zu gehören, der anderen Ausstellung, die Andréas Lang diese Woche anderswo in der Stadt eröffnet hat. Ich sehe eine deutsche Burg, die auf romantische Weise auseinanderfällt, so wie nur deutsche Burgen romantisch auseinanderfallen können, mit einer baufälligen Festungsmauer und einem bröckelnden mittelalterlichen Türmchen, das vom langsamsten Feind überhaupt eingenommen wird: der Vegetation. Bevor ich jedoch einen der Mitarbeiter, die noch damit beschäftigt sind, die Bilder zu hängen, fragen kann, ob ich tatsächlich im Deutschen  Historischen Museum bin, oder nicht doch in der Alfred Ehrhardt Stiftung, bemerke ich, dass die Burgmauern auf dem Bild aus leuchtend roten Ziegeln bestehen, dass der Erdboden auf dem Bild dunkelrot und rostig aussieht und das die Festungsmauer von einem langen Wellblechdach flankiert wird , vor dem ein Ölfass und eine Ziege stehen.

Das kann nur Afrika sein.

Das ist das heutige Kamerun – das Land, wo Andréas Langs Urgroßvater vor einem Jahrhundert als Sergeant der kolonialen „Schutztruppe“ diente und wo er daran beteiligt war, was man damals „Befriedung“ der Region und „Abstecken der Grenzen“ nannte. Neun Meter breite Schneisen durch Urwald- und Sumpflandschaften schlagend, bahnte sich  das Deutsche Kaiserreich seinen Weg, um seine entlegensten Übersee-Grenzen festzustecken. Durch Blutvergießen und Einschüchterung Autorität aufzubauen war der kaiserliche Weg, dem Deutschen Reich seinen „Platz an der Sonne“ zu sichern, wie Bernhard von Bülow es nannte.

Vieles davon ist heute in Vergessenheit geraten. Selbst in der bemerkenswert ausgewogenen Dauerausstellung dieses Museums – wahrscheinlich eine der besten nationalen Geschichtsausstellung in ganz Europa – ist dies einigermaßen undeutlich. Auf der historischen „Schul-Wandkarte der Deutschen Kolonien“, die 1905 von Georg Lang produziert wurde (ich nehme an, es bestehen keine verwandtschaftlichen Verhältnisse), ist die Landkarte Kameruns größtenteils hinter dem Ärmel eines prachtvollen chinesischen Seidenmantels versteckt.

Die nächsten Bilder in Andréas Langs neuer Ausstellung zeigen ein Eingangstor, ein vollständig von Bäumen überwuchertes Gebäude, ein vollständig von Dokumenten überwuchertes Archiv und dann: ein Maschinengewehr, das komplett mit Blut, Rost oder Ocker bedeckt ist. Andreas zeigte dem in Yaoundé lebenden Künstler Dieudonné Fokou ein Bild des Maschinengewehrs, das sein Urgroßvater benutzt hatte, um die Region zu „befrieden“. In einer Geste kreativer Bricolage machte sich Dieudonné die Schusswaffe zu eigen und „afrikanisierte“ sie, und Andreas fotografierte sie, in einer mit roter Sprühfarbe behandelten Umgebung. Die Auseinandersetzung mit seinem Urgroßvater könnte eindeutiger kaum sein. Auf Menschen schießen – Fotos schießen. Das Maschinengewehr von „Maxim“ und die Kamera von „Mamiya“. Andréas sagt, dass er dieses japanische Modell aufgrund seiner „Geräuschlosigkeit und Diskretion“ schätzt. Was hätte sein Urgroßvater von diesen Eigenschaften gehalten? Geräuschlosigkeit und Diskretion, wirklich? Es hätte ihn vielleicht überrascht, dass sein Urenkel im gleichen Land, das er mit so viel Mühe zu erobern half,  heute ebenso gerne mit der „Yashika Mat 124“ arbeitet – einer anderen japanischen Kamera, diesmal ein Nachbau der legendären Rolleiflex, bei der man sich vorbeugen muss, um durch die Linse zu schauen. Eine Geste voller Bescheidenheit, die sein entfernter Nachfahre sehr schätzt. Sich vor den Eingeborenen verbeugen, wirklich?

Ist dieses Ausstellungsstück vielleicht eine Form der Buße, frage ich mich? Ein Weg, den Menschen, die durch die Taten eines  Vorfahren entwurzelt wurden, Respekt zu zollen? Oder wird es herauszoomen und sich zu einer Art „kolonialer Vergangenheitsbewältigung“ entwickeln? Das ist sicherlich nötig, wir müssen sozusagen hinter den chinesischen Mantel gucken. Aber kann das die Aufgabe eines bildenden Künstlers sein? Warum nur eine einzelne Täter-Opfer-Geschichte  umkreisen, wo man über eine Vielzahl von Menschen sprechen muss?

Während ich weiter durch die Sonderausstellung gehe, die sich einige paar Tage vor der Eröffnung noch im Aufbau befindet, sehe ich, wie mit jedem Bild Schicht für  Schicht und auf sehr subtile Art und Weise weitere Bedeutungsebenen hinzukommen. Ich sehe afrikanischen Staub, der wie europäischer Nebel aussieht. Ich sehe Caspar David Friedrich in den Tropen. Ich sehe Afrikaner, die europäisch anmutende Statuen und Monumente aufstellen. Und ich sehe Afrikaner, die die Überreste europäischer Monumente gar nicht beachten. Die Ruinen der deutschen Residentur neben den Ruinen der französischen Préfecture. Die Gräber deutscher und britischer Soldaten  bestehen in der achtlosen Landschaft. Ich sehe Menschen, die zwischen den Gräbern deutscher und britischer Soldaten Gemüse anbauen. Why would you bother about European colonizers if they make for such great fertilizers?

Diese Ausstellung erzählt mehr als eine Geschichte über koloniale Gewalt, und sicherlich mehr als eine Geschichte über exotische Schönheit. Während ich umhergehe und Notizen für meine Rede am Donnerstag mache, hat sich Andréas Lang wieder zu mir gesellt – wie seine Kamera: geräuschlos und diskret. Er sagt, in einem beinahe rechtfertigenden Tonfall: „Bei Romantik geht es niemals nur um Schönheit. Es geht immer auch darum, in den Abgrund zu schauen. Andauernd.“ Es ist lange her, dass jemand die Glaubenssätze der Romantik so ernst nahm. Wahrscheinlich hilft es, Schlagzeuger in einer Punkband gewesen zu sein. Mir gefällt diese radikale Neuauslegung der Romantik – ihre existenzialistische Neudefinition.

In den Abgrund der Vergangenheit schauen, der kolonialen Vergangenheit; in das „Unheimliche“ allen menschlichen Strebens, von dem der Kolonialismus letztlich nur eine besonders heftige Erscheinungsform war. 

Es ist deshalb kein Wunder, dass das Herzstück der Ausstellung eine Videoinstallation ist, in der die Anwesenheit der Kolonialmacht eher zweitrangig zu sein scheint. In einem oktogonalen, kapellenartigen Raum sehen wir Aufnahmen einer Seilbrücke. Der Bildausschnitt ist fest. Auf der anderen Seite der Schlucht steht ein Pylon wie ein dunkler gotischer Bogen – die Brücke datiert aus der deutschen Zeit. Andréas erzält mir dass er sich nicht traute, die Brücke zu überqueren, obwohl die Einheimischen sie ohne große Bedenken benutzten. Seine Befürchtungen wurden von einer älteren Dorfbewohnerin vage bestätigt: „Nein, mach das lieber nicht!“, raunte sie ihm zu. Er musste nur beobachten und warten. Und das ist, was wir in dem Video sehen: Das Wetter ist ruhig, die Landschaft grandios, doch plötzlich bricht ein gewaltiges tropisches Unwetter los. Der Wind peitscht durch die Bäume und ein wolkenbruchartiger Regen geht nieder. Es scheint, als würde die ganze Welt dröhnen. Als alles vorbei ist, fangen die Vögel wieder an zu singen, erst schüchtern, dann immer lauter, so laut, als wäre nichts passiert. Aber das Laub tropft noch und die nassen Planken der wackeligen Seilbrücke funkeln im harten Sonnenlicht. –  In den Abgrund starren.

Trotz des Lärms und Rasselns und Regens sind es recht stille und gespenstische Landschaften, Zeugnisse des „Erstaunten Schweigens“ aus Andréas‘ anderer Ausstellung. Es ist das gleiche Gefühl des „Unheimlichen“ das aus seinen Videos hervorgeht, in denen , in dreifacher Projektion, Autoscheinwerfer an der Dunkelheit kratzen, der Schein einer Fackel die Nacht durchsticht und ein mit weißen Plastiksäcken beladender Einbaum einen Fluss durchquert. Es ist eine Welt, in der individuelle Menschen nur stumme Figurinen sind,  Bewohner einer ebenso überwältigenden wie unbegreiflichen Welt. Meine Anspielung auf Caspar David Friedrich war nicht nur ironisch gemeint. Es ist eine Welt ohne Worte. Bestenfalls summen ihre Bewohner, bestenfalls singen sie. „Ne sois pas dans le doute“, singt eine religiöse Prozession – hab keinen Zweifel, denn der Herr liebt seine Kinder, die ihm zu Ehren am Straßenrand gehen, während LKWs vorbeirumpeln. Ansonsten sind da nur Paddel im Wasser und Vögel nach dem Gewitter und Grillen nach Sonnenuntergang.

Und deshalb ist es ganz logisch, dass diese Ausstellung mit einer Katharsis aus Naturfotografien endet. Nach allem,was gesagt und getan wurde, und nach allem, was gebaut und
zerstört wurde, kehrt Andréas Lang zur Natur zurück – wo Blitzschlag aus einem Baum eine Skulptur macht und Termiten ihre Hügel bauen, wie seit hunderten Millionen Jahren. Diese letzten Bilder sind für mich der Höhepunkt der Ausstellung, aber sie funktionieren nur, weil man die Ausstellung gesehen hat. Der Betrachter sucht nach kolonialen Ruinen, nach Anzeichen der Geschichte, nach menschlichen Spuren. Aber da ist nichts, nichts als die verwirrende Nonchalance der Natur, leer und bedrohlich. Als wären wir zum allerersten Mal dort, im Morgengrauen der Schöpfung. Eine Pfütze mit rostigem Wasser. Wir kehren zurück zu der roten Erde mit der alles begann – und wir hören nur das Zirpen der Grillen,
die nicht mal da sind.