Andreas Lang Photography

 


Matthias von Tesmar

Text für die Monographie zu dem Projektstipendium für Bildende Kunst der Landeshauptstadt München, 2010

... und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat ...
(Heinrich von Kleist, Berliner Abendblätter, 12. Blatt, 13.10.1810, S. 47f.)

Gegenwart der Vergangenheit:
The Age of Discovery - AD 2010 nennt Andréas Lang eine seiner jüngsten Videoarbeiten. Ein doppelbödiger Titel, rückt die Arbeit doch eine Karavelle ins umwölkte Bild, wie sie zu Beginn der Neuzeit die Weltmeere kreuzte, stets auf der Suche nach unbekanntem Terrain. Doch was als Abenteuer-Feature beginnt, wird immer abenteuerlicher: Die Szenerie enttarnt sich als Set, das düstere Traumbild als romantischer Prozess vom Endlichen ins Unendliche.

In den letzten Jahren ist Andréas Lang vor allem als Fotograf hervorgetreten. Auch in diesem Medium ist ihm alles vordergründig Dokumentarische fremd. Für seinen Zyklus Eclipse von 2006/2007 etwa war er im vorderen Orient unterwegs. Entstanden sind ist ein Mix aus Schwarzweiß- und Farbaufnahmen von unergründlicher Tiefe. Die schwarzweißen Landschaften und Stadträume wirken stets vergangen, selbst wenn sie gelegentlich schemenhaft Automobile oder modern gekleidete Passanten zeigen. Dies sind keine Veduten, die dem Auge des Zeitgenossen Orte weltpolitischer Konflikte illustrieren, diese Fotos besitzen eine archaisch-überzeitliche Ferne, sie lassen die spirituellen Wurzeln der abrahimitischen Religionen aufscheinen. Den Farbfotos fehlt diese Schwere. Es gibt immer etwas leichthin Beobachtetes, das in der zufälligen Wahrnehmung auch etwas Hyperreal-Inszeniertes birgt. Grundlage von Langs Wahrnehmungsinteresse sind Ereignisse, Prozesse und Handlungen im allgemeinsten Sinne. Wesentlich ist stets der immanente assoziierte Surplus. Das Foto einer zu Boden gefallene Obststiege evoziert im Kopf des Betrachters eine Bildfolge möglicher Geschehnisse. Und selbst die vordergründige Ödnis einer Gebirgslandschaft zeigt er uns als auratisch belebt.

Dieses Interesse vorausgesetzt, war es naheliegend, dass sich Lang seit einiger Zeit mit der Realisierung eines Projektes trägt, das einen familiären Ursprung hat, ihm jedoch vor allem neue Wahrnehmungswelten verspricht. Ab 1904 war sein Urgroßvater für längere Zeit in der seinerzeitigen Kolonie Kamerun bei den deutschen Schutztruppen stationiert, um dort Handels- wie auch militärische Expeditionen zu leiten. Hierüber existieren alte Fotografien sowie handschriftliche Berichte von äußerster sprachlicher Nüchternheit, die den neugierigen Urgroßenkel Unbenanntes und Verborgenes vermuten lassen. So wird es knapp einhundert Jahre später eine weitere Reise geben, die auf den Spuren des Ahnen die Begegnung mit dem Unbekannten sucht. Es sollen hier neben Fotografien, auch Videosequenzen entstehen und es ist geplant einen kamerunischen Schriftsteller als Autor für ein gemeinsames Buchprojekt zu gewinnen – ein kooperatives Moment und ein Perspektivwechsel auf die deutsche Kolonialgeschichte.

The Art of Discovery könnte man die Arbeitsweise des Künstlers nennen, sich von Aufenthalten inspirieren zu lassen, sich auf Bilder einzulassen, auch wenn sie nichts erklären. In dieser Wertschätzung der beobachteten Welt liegt die Qualität von Langs Werk.