Andreas Lang Photography

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Cécile Wajsbrot
Rede zur Ausstellungseröffnung "Das erstaunte Schweigen. Landschaften von Andréas Lang"
Alfred Ehrhardt Stiftung, 9. September 2016

1
Langsamen und leisen Schrittes laufen Sie durch eine verlassene Landschaft. Es ist Tag, es ist Nacht – was weiß man schon? Am Himmel blitzen Irrlichter auf, ferne Planeten oder Fenster, vielleicht auch erleuchtete Straßen – gleich einem Leuchtfeuer,  das auf offener See den Hafen ankündigt. Aber es gibt keinen Hafen, keine sichere Küste zum Anlegen.
Sie laufen weiter, dringen immer tiefer in die Landschaft hinein, ohne zu wissen, wo Sie sind. Europa? Afrika? Amerika? Die Kontinente haben ihre Namen abgelegt, Städte gibt es keine mehr. Und Länder – jene sich unentwegt befehdenden eigenartigen Gebilde – auch nicht. Nur den Himmel gibt es noch, einen gottlosen und dennoch geheimnisvollen Himmel - Himmel und Bäume und Steine. Formen, die sich aus dem bald helleren, bald dunkleren clair-obscur herauslösen - dann und wann vermeint man etwas zu erkennen, eine Leiter, eine Fassade, doch diese Dinge sind lediglich Hinweise auf die Existenz anderer Wirklichkeiten.
Weiter, immer weiter laufen Sie. Wo befinden Sie sich? Hier  gelten keine Namen mehr. Hier existiert nichts, um erforscht, um verstanden zu werden, alles ist Wahrnehmung, Empfindung. Mit pochendem Herzen treten Sie in einen Traum hinein.

2
„Als Mittel der Reproduktion demokratisierte die Fotografie das Kunstwerk dadurch, dass sie es für alle zugänglich machte. Gleichzeitig veränderte sie unsere Auffassung von Kunst. (…) sie ist nicht einfach ein bloßes Abbild der Natur. Andernfalls wären ‚gute’ Fotos nicht so selten. (…) Sie [die Fotografie] half dem Menschen dabei, die Welt aus neuen Blickwinkeln zu entdecken; sie hob den Raum auf. Ohne sie hätten wir die Oberfläche des Mondes niemals gesehen.” Dieses Zitat stammt von Gisèle Freund aus ihrem Werk Photographie und Gesellschaft.
Und hier ist eine Textstelle aus Die helle Kammer von Roland Barthes: „In der Fotografie lässt sich nicht leugnen, dass die Sache dagewesen ist. Hier gibt es eine Verbindung aus zweierlei: aus Realität und Vergangenheit.”
Und noch dieser Satz von Susan Sontag, der den ersten Essay ihres Buches On Photography beschließt und die Überschrift In Plato’s Cave (In Platos Höhle) trägt: „.Für Mallarmé war alles in der Welt dazu da, in einem Buch zu landen. Heute ist alles dazu da, auf einem Foto zu landen.“

3
Das radikal Neue, das die Fotografie, in ihren Anfängen, hervorbrachte, ist heutzutage in völlige Vergessenheit geraten. Wir werden in eine Welt der Bilder hineingeboren, Bilder überwältigen uns, stellte Gisèle Freund vor über vierzig Jahren fest – was würde sie wohl über unsere Zeit sagen? Seit den Untersuchungen von Roland Barthes und anderen wird immer wieder darauf hingewiesen, welch enge Verbindung die Fotografie mit der Vergangenheit unterhält. Ein Augenblick wird festgehalten, so heißt es, um ihn jederzeit wieder zur Hand zu haben. Doch fixieren nicht gerade manche Überlegungen über die Allgegenwart des Bildes, über seinen Zeitbezug, über seine Vorherrschaft gegenüber dem Geschriebenen, die tatsächliche Wahrnehmung, dessen was man sieht, schieben sich diese Überlegungen nicht zwischen uns Betrachter - und den Gegenstand unserer Betrachtung? Aufhebung der Zeit, Aufhebung des Raumes ... Die wahre Fotografie, die künstlerische Fotografie, die Bilder von Andréas Lang erschließen eine andere Dimension.

4
In seinem 1851 geschriebenen Roman Das Haus der Sieben Giebel lässt Nathaniel Hawthorne mit der Figur Holgrave vielleicht erstmals in der Literatur einen Fotografen auftreten, der im Buch als Daguerreotypist bezeichnet wird. Als Holgrave zum ersten Mal Phoebe begegnet, die junge Frau, die er am Ende des Buches heiraten wird, zeigt er ihr eine Daguerreotypie, das Portrait eines Freundes, der zufällig Phoebes Cousin ist. Bei allem freundlichen Lächeln, das er der Welt darbietet, besitzt er einen derart harten Ausdruck, dass Phoebe ihn nicht erkennt und denkt, es müsse sich um das Portrait eines Vorfahren handeln.  Daraufhin kommentiert Holgrave seine Kunst so: „Wir glauben immer, dass ein Porträtbild die Oberfläche abbildet, dabei enthüllt es tatsächlich den verborgenen Charakter eines Menschen mit einer Wahrhaftigkeit, zu der kein Maler den Mut hätte, selbst wenn er ihn entdecken würde.”  Diese, übrigens von Susan Sontag in ihrem Essay zitierte Bemerkung wurde zwölf Jahre nach Erfindung der Fotografie geschrieben, welche gemeinhin auf das Jahr 1839 datiert wird. Zwölf Jahre erst waren seitdem vergangen – die Fotografie stand noch ganz an ihrem Anfang – und Hawthorne sieht bereits das Wesen dieser Kunst voraus (so wie Virginia Woolf das Wesen des Filmtheaters erkennt). Muss ich noch hinzufügen, dass auch Holgrave Hypnosefähigkeiten besitzt? Ohne dass dies je explizit in Worte gefasst, lediglich angedeutet wird, gleichen sich die Kunst der Daguerreotypie und die Hypnose in gewisser Weise, sind beide zumindest miteinander verwandt. Das Mysterium, die Verzauberung, die Preisgabe eines Geheimnisses – was Hawthorne beschreibt, ist noch immer das, was uns auch im 21. Jahrhundert jede Kunst unverzichtbar macht.

5
Nichts ist dem Zufall geschuldet – auch wenn alles eine Sache des Zusammentreffens ist. Die lange Suche nach Ort und Moment, die Bildeinstellung, die Komposition, die Abwärts- und Aufwärtsbewegung der Senkrechten bei himmelwärts strebenden Bäumen, bei emporragenden Felsen, die waagerechte Aufteilung der Landschaft zwischen Himmel und Erde, der Vorder- und der Hintergrund, das Licht, die Wolken, die wie Schiffe dahintreiben, und, erst auf den zweiten Blick, die auftauchenden, deutlicher werdenden, Schärfe annehmenden Formen - alles ist im Vorhinein bedacht, geplant, festgelegt. Kunst ist Studium, Entwicklung – eine Weltanschauung. Das erstaunte Schweigen. Kein Mensch weit und breit, allenfalls erkennt man noch einzelne Spuren. Die Häuser,  die Häuserruinen, die Überreste werden in zehn, dreißig Jahren verstreut auf den Wegen und Pfaden liegende Steinen sein. Sie werden nicht länger die frühere Anwesenheit ihrer Baumeister bezeugen. Und von der Welt bleiben einzig Fragmente, Segmente, als könne nichts sich zum Ganzen formen. Und da ist es, das Schweigen, ein Schweigen der Kontemplation, das jede der Aufnahmen prägt. Zusammen mit einem Erstaunen, über das zur Schau gestellte Geheimnis, über die Geschichte, die alle Bilder zu erzählen scheinen. Das erstaunte Schweigen ist der Zustand, in dem wir uns befinden, von der Landschaft gefesselt und mit all unseren Sinnen in Anspruch genommen.

6
Ich möchte einen Auszug aus dem von Andrei Ujica für seinen Film Unknown Quantity aufgezeichneten Gespräch zwischen Paul Virilio und Swetlana Alexijewitsch zitieren. Paul Virilio: „Die bisherigen Unglücksfälle berührten den Raum. Die Titanic sank im Nordatlantik. Ein Flugzeug stürzte über einer Ebene ab. Hier jedoch handelt es sich um einen Unfall in der Zeit. Das Unglück in Tschernobyl ist insofern außergewöhnlich, als es die astronomische Zeit berührt, die Zeitdauer der Generationen, der Jahrhunderte und Jahrtausende.” Und Swetlana Alexijewitsch: „Bis dahin wurde die Zeit mit unseren menschlichen Maßstäben gemessen. Es mag sein, dass sich dies bereits nach der Atombombe geändert hatte, doch nach Tschernobyl, da erlangte der Zeitbegriff eine neue Dimension. Zeit wurde unendlich. Das Ende und der Beginn berührten sich.”

7
Auch wenn der Anblick der Fotografien von Andréas Lang kein Gefühl der Bedrängnis auslöst – vielmehr geht ein gewisser Frieden von ihnen aus – so steigt dennoch ein Gefühl der Bedrohung im Betrachter empor. Oder, denn alles in diesen Bildern ist zerbrechlich, alles ist Nuance, Verschwimmen von zu klaren Linien, alles ist ein Wogen, ein Wachrufen, ein Bildnis, alles in einem Spannungs- und Schwebezustand gefangen – die Zeit, eine Ahnung der Ewigkeit. Die Spur von etwas, das war? Eher die Spur von etwas, das gewesen sein wird. Eine Vision von Zukunft – die Erde nach dem Ende der Menschenwelt. Hier geht es nicht um Science-Fiction, sondern um etwas, was Swetlana Alexijewitsch die neue Dimension der Zeit nennt. Ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft in ein und derselben Abwesenheit aufeinandertreffen, die Morgendämmerung einer neuen, menschenlosen Epoche, die Abenddämmerung einer menschenlosen Erde. Hier ist sie vorbeigekommen, die Geschichte der Menschheit - die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, welche die Erbschaft von Furcht und Schrecken so ungemein vervielfachten, und dieser Beginn des 21. Jahrhunderts, das in dieser Hinsicht aussichtsreich ist.
Denn um so große Schönheit ausdrücken zu können, muss man gesehen und beobachtet, gelernt und verstanden haben – muss man gefühlt und empfunden haben. Und gelitten – das auch. Auf dieser Reise durch das Geheimnis der Welt destilliert Andréas Lang als Bilder-Alchemist die Quintessence der Landschaft, das Wesen der Fotografie. Eine Metaphysik der Vision - das ist es, worauf sich unsere Augen nun freuen dürfen.

(Übersetzt von Susanne Scholz/ Marie Luise Knott)